Vom angepassten Ich zurück zum eigenen ursprünglichen Ich

 Auf meinen anderen Kanälen (Instagram, Facebook, Youtube) habe ich in der vergangenen Woche viel zum Thema „ursprüngliches Ich“ und „angepasstes Ich“ gepostet. Eine ausführliche Erklärung findest du hier. Kurz zusammengefasst kommen wir als die Menschen auf die Welt, die wir wirklich sind – mit unserem ganz eigenen Charakter, Temperament, Bedürfnissen usw. Ich nenne das das „eigene ursprüngliche Ich“. Wir treffen unmittelbar nach der Geburt auf ein Umfeld – in den meisten Fällen auf unsere Eltern. Diese reagieren in einer gewissen Weise auf uns und wir lernen schnell, welche Verhaltensweisen, Gefühle und Bedürfnisse „okay“ sind für unsere Eltern (oder auch andere Bezugspersonen) und welche als „zu anstrengend“ empfunden und deswegen nicht beantwortet werden. Wir lernen also sehr schnell, bestimmte Eigenschaften, Wünsche oder Bedürfnisse von uns zu unterdrücken – wir passen uns an. Das passiert in unserem Leben immer wieder und in unterschiedlichen Kontexten.

Die Anpassung hat dabei die wichtige Funktion, unser Überleben zu sichern und in einer Gruppe von Menschen existieren zu können. Wird die Anpassung aber zu viel, so verlieren wir uns selbst dabei. Wir verlieren den Kontakt zu unserem eigenen ursprünglichen Ich. Vielleicht spüren wir das, weil wir immer unglücklicher werden, oder uns entfremdet von unserem eigenen Leben fühlen. Vielleicht bemerken wir es auch lange Zeit nicht und es fällt uns zB. erst auf, wenn unsere eigenen Kinder flügge werden und ausziehen – plötzlich ist da ein ganzer Haufen freigewordener Zeit, den es zu füllen gilt, aber mit was denn? Was sind denn Sachen, die dir Spaß machen?

 

Eines meiner Ziele ist es, Menschen wieder mehr in den Kontakt mit sich selbst zu bringen, sich wieder selbst zu spüren, ihre Interessen zu verfolgen und die Erfüllung ihrer Wünsche anzugehen.

 

Aber wie funktioniert das eigentlich, wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen? Dazu habe ich unter anderem folgende Ideen zusammengetragen:

 

Eine Art, wieder mehr mit sich in Kontakt zu kommen ist zB. über das eigene Körpergefühl: der Körper gibt viele Signale dazu, wie es ihm (und damit auch dir selbst) gerade geht. Warnsignale sind zB. immer wiederkehrende Symptome wie Anspannung, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, schlechter Appetit, veränderte Libido (zB. weniger Lust auf Sex) oder Schlafstörungen. Natürlich gibt es noch mehr, aber die jetzt genannten sind mir in meiner Arbeit am häufigsten begegnet. Sind körperliche Ursachen ausgeschlossen, so können diese Symptome einen wichtigen Hinweis auf die psychische Gesundheit geben (Stichwort: psychosomatische Beschwerden, also körperliche Symptome als Folge von psychischem Leiden). Positive Körpersignale sind beispielsweise ein gesunder Appetit, ein tiefer und erholsamer Schlaf, innere Ruhe, körperliches Wohlbefinden, tiefes Atmen, entspannter Brustkorb usw. Wenn du möchtest, spür mal nach, was du jetzt gerade an und in deinem Körper wahrnimmst. Welche Signale gibt dein Körper dir jetzt im Moment? Was spürst du? Gibt es gerade körperliche Bedürfnisse, die nach Aufmerksamkeit verlangen?

 

 

Es ist total hilfreich regelmäßig in Kontakt mit dem eigenen Körper zu gehen. Eine gute Übung dazu ist der Bodyscan. Hier habe ich dir eine Kurzversion aufgenommen, die sich gut in den Alltag integrieren lässt – schau gern mal rein.

 

Ein weiterer wichtiger Signalgeber sind die eigenen Gedanken (-muster): der Mensch denkt etwa 60.000 – 70.000 Gedanken pro Tag, die meisten davon sind unbewusst und negativ. Krass oder? Die Art unserer Gedanken trägt maßgeblich zu unserer Gesundheit bei: negative Gedanken und eine negative Gedankenhaltung aktivieren das Schmerzzentrum in unserem Gehirn, wodurch Kortisol und Adrenalin ausgeschüttet werden. Wenn dies dauerhaft und in hohen Mengen geschieht, so kann dies Ängste und bestimmte Körperreaktionen bis hin zu Schmerzen auslösen. Das ist insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen schlimm, da beispielsweise Depressionen und Angsterkrankungen häufig mit negativen Grübelschleifen einhergehen. Das heißt, Menschen, die eh schon vulnerabler sind, sind genau dadurch einem weiteren Risiko für ihre Gesundheit ausgesetzt.

 

Umso wichtiger ist es, die Hintergründe und Ursachen negativer Gedanken (-muster) zu erkennen. Je nachdem wie häufig und wie leicht solche negativen Gedanken (-spiralen) ablaufen spricht man von automatischen negativen Gedanken oder sogar – wenn bestimmte Sätze sehr verinnerlicht sind – von negativen Glaubenssätzen. Je automatischer und tiefer diese verankert sind, desto mächtiger sind sie – und beeinflussen dadurch maßgeblich unser Denken und Handeln. Solche Gedanken oder auch ein solches Körperempfinden überhaupt zu bemerken kann schwierig sein. Vor allem, wenn wir gelernt haben, regelmäßig darüber hinwegzugehen, weil zB. „die Arbeit fertig werden muss“ oder „ich keinen Ärger bekommen will“ usw. Das heißt, der erste Schritt ist meist, die Wahrnehmung solcher Gedanken und Körperempfindungen zu schulen.  Eine gute Fachkraft (Psycholog*in oder Psychotherapeut*in) wird hier mit Betroffenen Ursachenforschung betreiben und versuchen, das Grübeln zu reduzieren und den Gedankenfokus zu verändern. Je nachdem wie umfassend das passiert, nennt sich diese Intervention „kognitive Umstrukturierung“.

 

Im Gegenteil zu negativen Gedanken haben positive Gedanken auch eine positive Auswirkung auf die Gesundheit, da sie das Immunsystem stärken können. Damit möchte ich keinesfalls toxisch Positivität gutheißen und ich möchte auch nicht die Botschaft vermitteln „denk doch einfach positiv!“. Das Muster, in welchem Menschen denken ist erlernt und beruht auf Erfahrungen und daran angepassten Erwartungshaltungen. Nur die Art des Denkens zu ändern wäre zu oberflächlich. Es ist auch notwendig, die Hintergründe und die Entstehung des individuellen Gedankenmusters zu erforschen. Alles andere wird der Einzigartigkeit von Menschen nicht gerecht.

 

Ein gutes Beispiel für den Einfluss unserer Gedanken auf unser Handeln ist die „Geschichte vom Hammer“ von Pau Watzlawick aus dem Buch „Anleitung zum Ungücklichsein. Lies sie dir gerne mal durch 😉

 

Wenn du möchtest, spür mal für einen Moment nach, was du jetzt im Moment denkst. Wie gut kennst du deine Gedanken? Achtest du manchmal bewusst darauf, was du so denkst? Welche Gedanken kommen dir sehr leicht und welche sind für dich eher abstrakt oder nicht richtig greifbar? Neigst du dazu, viel nachzudenken oder sogar zu grübeln? Wie gehst du damit um?

 

 

Der letzte Punkt den ich ansprechen möchte, ist das In-Kontakt-Kommen mit den eigenen Gefühlen. Nach Paul Ekman gibt es sieben Grundemotionen, die universell verstanden werden: Freude, Trauer, Überraschung, Wut, Angst, Ekel und Verachtung. Der mimische Ausdruck dieser Emotionen wird weltweit korrekt erkannt und entschlüsselt – über alle Kulturen hinweg. Bei der Unterteilung in feinere Unterkategorien unterscheidet sich der mimische Ausdruck jedoch von Kultur zu Kultur.

 

Welche Emotionen und Gefühle wie häufig und intensiv gezeigt werden ist gesellschaftlich und individuell unterschiedlich. In der deutschen Gesellschaft werden beispielsweise Wut, Angst und Trauer eher weniger gezeigt, sie sind gesellschaftlich nicht so akzeptiert, wie zB. Freude. In anderen Gesellschaften wird beispielsweise mit Trauer wesentlich offener umgegangen und Wut darf offener gezeigt werden – dann wird halt mal ordentlich gezankt. Auch die individuellen Unterschiede sind sehr groß und hängen maßgeblich mit unseren Lernerfahrungen und unserer Sozialisierung zusammen: wurden wir beispielsweise oft geschimpft, wenn wir unsere Wut gezeigt haben (zB. mit den Füßen aufgestampft haben oder die Tür geknallt haben), so haben wir mit dem Zeigen, Verbalisieren oder adäquaten Ausdruck dieser Emotion eher Schwierigkeiten. Wut und Ärger sind aber keine „schlechten“ Gefühle! Sie sind wichtig und haben ihre Berechtigung! Das wird viel zu selten gesagt!

 

Vielleicht möchtest du mal in dich hineinspüren, welches Gefühl jetzt gerade in dir vorherrscht. Welche Emotionen kennst du von dir selbst gut und welche sind dir eher fremd? Gibt es Emotionen, vor denen du selbst Angst hast, die du vielleicht lieber nicht spüren willst und deswegen weit von dir wegschiebst? Welche Erfahrungen hast du in deiner Biografie mit den jeweiligen Emotionen gemacht? Gab es Emotionen, die von deinem Umfeld eher akzeptiert wurden als andere? Welche waren das jeweils?

 

 

Sich selbst (wieder) kennenzulernen bzw. mit sich selbst (wieder) in Kontakt zu kommen ist ein total spannender (und wie ich finde ganz wichtiger!) Prozess. Je mehr ich meine Wahrnehmung schule, je achtsamer ich dabei mit mir selbst werde, desto besser lerne ich mich auch kennen. Und je besser ich mich kenne, desto besser kann ich auf mich achten, desto mehr kann ich mich verwirklichen, desto verbundener bin ich auch im Kontakt mit anderen, usw. usw.

 

Wie ihr seht, lohnt sich das total. Und es ist anstrengend, und zwar sehr. Es erfordert Aufmerksamkeit, Konzentration, Achtsamkeit, Interesse an sich selbst und auch eine gewisse Frustrationstoleranz. So kann es passieren, dass mensch erstmal geschockt darüber ist, wie sehr er*sie verlernt hat, ein Gefühl für sich zu haben und auf sich aufzupassen. Das kann erstmal ganz schön schmerzen. Und dieser Schmerz ist berechtigt. Es tut weh zu merken, dass man den Kontakt zu sich selbst (lange) hat schleifen lassen oder gar ganz verloren hat. Aber es bietet auch die Chance, sich selbst das Versprechen zu geben, es jetzt besser zu machen. Es ist quasi ein innerlicher Monolog mit sich selbst: „Mensch, ich hab dich lange nicht gefragt, wie es dir eigentlich geht. Das tut mir leid. Erzähl doch mal, ich höre dir zu. Ab jetzt möchte ich dich regelmäßig fragen, sodass ich gut auf dich Acht geben kann, denn du bist mir wichtig.“

 

Und indem du das dann immer wieder machst, so oft es dir in den Sinn kommt, desto leichter wird es und desto mehr bekommst du wieder ein Gefühl für dich. Irgendwann wird es vielleicht sogar so selbstverständlich wie Zähne putzen – das wäre doch schön! Über den nächsten Schritt – nämlich welche konkreten Handlungen daraus entstehen können – schreibe ich nächste Woche. Falls du individuelle Hilfe wünschst, schau gern mein Angebot an und nimm Kontakt mit mir auf.

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