Bindungstheorie - und ihre Auswirkungen auf unser Leben

Im heutigen Artikel geht es um eines meiner Lieblingsthemen: die Bindungstheorie. Hier habe ich ein Video dazu gemacht - schau es dir gerne an oder lies einfach weiter.

 

Bindung bezeichnet eine dauerhafte und einzigartige Beziehung zwischen zwei Menschen (zB. Kind-Eltern/Bezugspersonen), aber auch Freund*innenschaften und Partner*innenschaften. John Bowlby und Mary Ainsworth haben sehr viel zum Thema Bindung geforscht und einiges davon möchte ich nun hier darstellen.

 

Die ersten Bindungserfahrungen machen wir Menschen unmittelbar nach der Geburt mit unseren Bindungspersonen (das können die Eltern sein, aber auch andere Bezugspersonen). Häufig wird Säuglingen unterstellt, dass sie ohne besondere Fähigkeiten auf die Welt kommen - tatsächlich sind sie aber sehr kompetent: durch Bindungssignale können sie die Aufmerksamkeit ihrer Bindungspersonen auf sich ziehen und so die Befriedigung ihrer Bedürfnisse erreichen. Bindungssignale können beispielsweise Murren, Schreien, Strampeln, usw. sein. Diese Signale lösen bei der Bindungsperson Fürsorgeverhalten aus, dh. die Bindungsperson

 

1) nimmt die Signale wahr,

2) entschlüsselt die Signale richtig (zB. als Hunger, als Nähebedürfnis, usw.),

3) sorgt für zeitnahe Bedürfnisbefriedigung.

 

Dadurch macht der Säugling die Erfahrung "ich werde gehört, meine Bedürfnisse werden erkannt und wichtig genommen, meine Bedürfnisse werden erfüllt, ich werde versorgt, usw.". Das heißt, es kommt zu positiven Bindungserfahrungen. Diese manifestieren sich im Säugling als ein bestimmtes Muster: macht er*sie ausreichend solcher Erfahrungen, so merkt er*sie, dass die Bindungsperson dauerhaft verlässlich da ist - er*sie entwickelt eine sogenannte sichere Bindung. Für eine sichere Bindung ist es nicht zwingend notwendig, dass jede einzelne Interaktion feinfühlig und verlässlich abläuft, es müssen "nur" ausreichend viele solcher Bindungserfahrungen sein (dh. die Mehrzahl der Erfahrungen sollte so sein). Ist ein Kind sicher gebunden, so zeigt sich dies auch in einem ausgewogenen Verhältnis von Bindungs- und Explorationsverhalten: dh. mal geht das Kind auf Entdeckungstour - weg von den Bindungspersonen und ist autonom, um dann wieder Bindungsverhalten zu zeigen, indem es die Nähe der Bindungspersonen sucht und beispielsweise kuschelt oder sich trösten lässt.

 

Nun kann es aber beim Bindungsverhalten zwischen Säugling und Bindungspersonen auch zu Schwierigkeiten kommen: es kann sein, dass die Bindungsperson Schwierigkeiten hat, die Signale des Säuglings wahrzunehmen (zB. bei Substanzmittelmissbrauch) oder sie korrekt zu entschlüsseln (zB. bei einer postnatalen Depression) oder feinfühlig auf die Bedürfnisse und Signale des Säuglings einzugehen (zB. weil es keine eigenen fürsorglichen Bindungsvorlagen gibt - das kann sich in Gedanken und Glaubenssätzen zeigen wie "Schreien kräftigt die Lunge.", "Da muss das Kind jetzt durch.", "Gefüttert wird nach Plan.", "Zuviel Kuscheln verwöhnt das Kind." usw. Solche Gedanken können Beispiele dafür sein, dass die eigenen Bindungserfahrungen in der Kindheit der Bezugsperson nicht sehr feinfühlig und liebevoll waren.

 

Je nachdem, wo es zu Schwierigkeiten kommt und wie die Bindungsperson sich jeweils verhält, können sich andere Bindungsstile entwickeln:

 

Unsicher-vermeidende Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bindungspersonen auf ihr Nähesuchverhalten nicht oder nur wenig eingehen (zB. weil Körperkontakt der Bindungsperson selbst unangenehm ist). So werden die Bedürfnisse des Kindes nach Nähe und Körperkontakt entweder nicht wahrgenommen und/oder sie werden nicht erfüllt. So kann es zB. sein, dass das Kind wiederholt zu hören bekommt, dass "das jetzt nicht so schlimm ist" und "es sich nicht so anstellen soll" und "andere Kinder stecken viel mehr ein ohne zu weinen". Es lernt also, dass Nähesuchverhalten zB. in Form von Trost verbunden sind mit Tadel oder Genervtheit der Bindungspersonen. Es wird zukünftig weniger oder gar nicht mehr weinen, wenn es sich wehtut, um sich die Enttäuschung zu ersparen, nicht getröstet zu werden, obwohl es das bräuchte. Das heißt aber nicht, dass es nicht trotzdem Schmerzen hat oder darunter leidet. Unsicher-vermeidende Kinder zeigen irgendwann weniger oder kein Nähesuchverhalten mehr, explorieren sehr viel, sind selbstständig und "pflegeleicht". In (für Kinder) stressigen Situationen wirken sie oft gefasst, Studien haben aber ergeben, dass ihr Cortisolspiegel deutlich erhöht ist - dh. sie sind sehr wohl gestresst. Das Tragische daran ist, dass solche pflegeleichten, angepassten Kinder in Deutschland sehr hoch gelobt werden. Sie machen also beständig die Erfahrung "wenn ich meine Bedürfnisse unterdrücke und zurückschraube und ganz angepasst bin, dann bekomme ich positive Aufmerksamkeit". Das ist ein Problem, da diese Kinder den Kontakt zu sich selbst verlieren.

 

Unsicher-ambivalente Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass die Antwort ihrer Bindungspersonen ungewiss ist. Dh. mal bekommen sie Nähe und Zuwendung, während sie ein anderes Mal auf Ablehnung und Abweisung stoßen. Bei diesen Kindern ist das Bindungssystem übermäßig aktiv, denn sie laufen ja ständig Gefahr, dass ihre Bindungssignale plötzlich nicht mehr positiv beantwortet werden. Das Explorationsverhalten leidet darunter, denn die Kinder sind weniger autonom. Das verzwickte an diesem Bindungsstil ist, dass die Kinder in ihrem Bindungsverhalten auch ambivalent sind: sie signalisieren zwar Stress, beruhigen sich aber bei Trost durch die Bindungsperson nicht. Auch hier bleibt der Cortisolspiegel erhöht - selbst wenn Trost erfolgt. Erst nach einer Weile geht das Stressempfinden zurück. Das ist natürlich ein Teufelskreislauf: beruhigt das Kind sich auch bei Fürsorgeverhalten der Bindungspersonen nicht, so reagieren diese möglicherweise frustriert und trösten das Kind nicht mehr.

 

Desorganisiert-desorientierte Kinder haben sehr widersprüchliche Bindungserfahrungen gemacht, die sich keinem festen Muster zuordnen lassen. Dh. mal ist die Bindungsperson tatsächlich fürsorglich und zuverlässig, und mal ist sie selbst Quelle der Angst. Ein Beispiel kann sein, wenn die Bindungsperson selbst traumatisiert ist: weint das Kind, kann die Bindungsperson beispielsweise in einen Notzustand geraten und darauf mit Erstarren und Dissoziation reagieren oder aber sie rastet aus und schreit laut herum. Beides sind natürlich für das Kind maximal ängstigende und bedrohliche Situationen. Um sich selbst zu beruhigen entwickelt es unterschiedliche bizarre Verhaltensweisen: Schaukeln, im Kreis drehen, Erstarren oder andere stereotype (= sich stetig wiederholende) Bewegungen. Kinder mit diesem Bindungsstil wirken häufig emotionslos, haben aber tatsächlich einen dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel. Dh. entgegen den unsicheren Bindungsstilen, wo der Stress nach der Situation wieder abflaut, ist bei desorganisiert gebundenen Kindern das Stresserleben dauerhaft aktiv - sie können sich schließlich nie sicher sein, was als nächstes passiert. Das ist natürlich nicht die Schuld der (traumatisierten) Bindungspersonen - vielmehr geht es hier darum, die Bindungsperson in ihrer Emotionsregulation so zu stabilisieren, dass sie sich selbst und in weiterer Folge auch das Kind beruhigen kann.

 

Übrigens: der Bindungsstil ist zwar relativ konstant über das Leben hinweg, aber nicht unveränderlich. Dh. Menschen mit unsicheren Bindungserfahrungen können beispielsweise im Lauf ihrer Schulzeit auf eine*n gute*n Lehrer*in treffen, der eine verlässliche und feinfühlige Bindungsperson darstellt und dadurch positiven Einfluss auf ihre Bindungserfahrungen nimmt. Die eigenen Bindungserfahrungen beeinflussen das weitere Bindungsverhalten (gegenüber Partner*innen, Freund*innen, aber auch gegenüber den eigenen Kindern - hinschauen lohnt sich). Auch im Erwachsenenalter sind korrigierende Erfahrungen möglich: im therapeutischen Kontext arbeite ich zum Beispiel sehr gerne mit Nachbeelterung/Nachnährung (auf englisch: reparenting) oder Containing. Nachbeeltern heißt, dem Menschen nachträglich positive elterliche Erfahrungen innerhalb der therapeutischen Beziehung zu ermöglichen (dazu schreib ich zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher oder mache ein Video). Containing habe ich in diesem Video erklärt.

 

Mir ist wichtig zu betonen, dass ich den Bindungspersonen hier keine böse Absicht unterstellen will. Ich glaube vielmehr, dass es einerseits um persönliche Grenzen und Ressourcen geht, aber auch um eigene (ungünstige) Bindungserfahrungen, die nun an das Kind weitergegeben werden. Es lohnt sich also sehr, sich mit Bindungsstilen allgemein und mit dem eigenen Bindungsverhalten insbesondere auseinanderzusetzen. Bei immer wiederkehrenden Schwierigkeiten oder scheinbar unlösbaren Problemen lohnt es sich, das Gespräch mit einer Fachkraft zu suchen. Falls du Hilfe und Unterstützung benötigst, melde dich gerne bei mir.

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