Fight - Flight - Freeze Reaktion / Kampf oder Flucht

Unser Gehirn unterteilt sich in unterschiedliche Bereiche, welche wiederum unterschiedliche Funktionen erfüllen. Einer dieser Bereiche ist die kleine, unscheinbare aber ungeheuer wichtige Amygdala. Sie ist dafür zuständig, Gefahren sehr schnell zu erkennen und darauf zu reagieren. Dabei werden auftretende Situationen mit gespeicherten Erinnerungen abgeglichen und aus dem Ergebnis dieses Vergleichs erfolgt dann die Reaktion.

 

Das Wesen der Amygdala ist es, sehr schnell zu reagieren – was auch wichtig ist, denn in gefährlichen Situationen bleibt oft nicht viel Zeit zu Überlegen, sondern es muss sofort gehandelt werden. Registriert die Amygdala eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung, so aktiviert sie eine Kampf (englisch: Fight) oder Flucht (englisch: Flight) Reaktion. Bei beiden Reaktionen wird im Körper Adrenalin und Cortisol ausgestoßen, der Herzschlag und der Puls werden erhöht, die Gliedmaßen werden besser durchblutet und Verdauungstätigkeiten werden zurückgefahren – kurz: das vegetative Nervensystem (genauer gesagt: der Sympathikus) wird aktiviert und der Körper macht sich bereit, um zu kämpfen oder zu fliehen. In gefährlichen Situationen kann das beinhalten, dass ein Angriff abgewehrt wird (zB. der*die Gegner*in weggeschubst wird) oder dass die Situation schnellstmöglich verlassen wird (zB. wegrennen).

Wie oben beschrieben, gleicht die Amygdala auftretende Situationen mit vorhandenen Erinnerungen ab. Hat ein Mensch nun viele schlechte Erfahrungen gesammelt, so ist die Amygdala entsprechend sensibler: wurde mensch beispielsweise als Kind oft angeschrien, so kann es sein, dass als Erwachsene*r das Schreien des eigenen Kindes die Amygdala aktiviert und eine Kampf – oder – Flucht – Reaktion initiiert wird. Das kann beispielsweise sein, dass das Kind angeschrien wird (Kampf) oder dass mensch aus dem Zimmer geht „Wenn du dich so benimmst, habe ich dich nicht mehr lieb.“ (Flucht). In diesem Fall reagiert die Amygdala zu sensibel: es ist keine Gefahr in Verzug, aber sie interpretiert es aufgrund der gemachten Lebenserfahrungen so.

 

Hier kommt nun der präfrontale Cortex – ein weiterer Teil unseres Gehirns – ins Spiel. Der präfrontale Cortex arbeitet viel langsamer als die Amygdala, ist also für schnelle Reaktionen nicht geeignet. Seine Stärke liegt in der Überprüfung und im genaueren Abwägen. Dh. in unserem Beispiel würde die Situation sich möglicherweise wie folgt verändern: nach einer kurzen Zeit schaltet sich der präfrontale Cortex hinzu und analysiert die Situation. Er erkennt, dass das Kind keine Bedrohung ist – in Folge dessen wird die körperliche Aktivierung wieder heruntergefahren (der Parasympathikus wird aktiviert) und eine Entspannung wird eingeleitet (die aber nicht sofort eintritt!). In weiterer Folge wäre zu hoffen, dass die soeben erfolgte Reaktion überdacht wird: „Mein Kind ist keine Gefahr. Ich habe gerade ganz schön unfair reagiert.“ Und dann eine Schadensbegrenzung einleiten (mit dem Kind in Kontakt gehen, sich entschuldigen, Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen, sich erklären und die Gefühle des Kindes auffangen und begleiten „Mensch, da hast du grad ganz schön Angst gehabt vor mir. Das tut mir sehr leid, ich habe mich gerade nicht fair verhalten. Wie wollen wir nun damit umgehen? Was brauchst du von mir?“).

 

Besonders wichtig finde ich es, zu schauen, ob die Amygdala schnell anspringt und Triggerpunkte (das sind Punkte, die das zuverlässig herbeiführen – im Beispiel oben ist es Schreien) festzustellen, sodass ein Bewusstsein darüber entsteht. Wenn Verhalten und Erleben bewusst wird, kann auch leichter damit gearbeitet werden. Im Falle einer sehr aktiven Amygdala kann das beispielsweise sein, in diesen Situationen die Kampf – oder – Flucht – Reaktion um einige Sekunden zu verzögern und erstmal durchzuatmen. So bekommt der präfrontale Cortex eine größere Chance, die Situation zu überprüfen und die Einschätzung zu korrigieren. Gleichzeitig kann auch bewusst geübt werden, solche Situationen nach dem Auftreten nochmal zu beleuchten um quasi bewusst neue Erinnerungsspuren ins Gehirn einzuarbeiten.

 

In der Überschrift steht noch eine weitere mögliche Reaktion: das Einfrieren (englisch: Freeze). Wenn das passiert, dann weil die Amygdala entschieden hat bzw. aus Erfahrung weiß, dass Kampf oder Flucht zwecklos sind. Stattdessen lässt sie den Körper erstarren. Das ist besonders im Fall von Opfern von Gewalt in den Konsequenzen verheerend: Betroffene erleben eine Freeze Reaktion und machen sich im Nachhinein große Vorwürfe („Warum habe ich mich nicht gewehrt oder bin weggerannt?“) und unser Justizsystem schürt diese auch noch („Sie haben sich halt nicht ordentlich gewehrt – selbst schuld.“). Das ist unglaublich schrecklich und vervielfacht das erlebte Leiden noch. Tatsächlich laufen diese Fight-Flight-Freeze Reaktionen ja automatisch ab – das ist die Art und Weise, wie die Amygdala funktioniert. Und wenn die Amygdala die Einschätzung trifft, dass Kämpfen oder Fliehen aussichtlos ist, dann kommt es zur Erstarrung. Das ist aber keine bewusste Entscheidung der betroffenen Person und dafür danach abgestraft und verantwortlich gemacht zu werden ist mehr als unfair!

 

Auch hier lohnt es sich – ebenfalls wie bei der Kampf – oder – Flucht – Reaktion, die Situation genau zu analysieren (was sind Trigger? Kurz innehalten. Im Nachhinein reflektieren) und neue Erinnerungsspuren ins Gehirn einzuflechten („Damals war ich ausgeliefert, heute bin ich es nicht mehr. Ich kann die Situation verlassen, ich kann mich wehren. Ich bin handlungsfähig.“).

 

Bei allen drei Reaktionen wird im Körper Cortisol (das Stresshormon) und Adrenalin (Hormon, das Energie im Körper freisetzt und Leistungsbereitschaft steigert) ausgeschüttet. Das ist natürlich auch nach der Situation noch eine Weile im Blut und wirkt dort. Schaut mensch die Evolution des Menschen an, so sieht mensch, dass beispielsweise Jäger*innen nach der Jagd noch getanzt und sich bewegt haben – durch Bewegung werden nämlich die überschüssigen Mengen an Cortisol und Adrenalin schneller abgebaut. In der heutigen Zeit geht die Tendenz eher in Richtung zu wenig Bewegung, dh. der Stress hält sich länger im Körper. Ein Beispiel dafür: ich komme zu spät von der Arbeit los und weiß, dass ich deswegen auch im Kindergarten zu spät ankommen werde. Ich fahre mit dem Auto sehr gestresst los und komme dort ebenso gestresst an. Kommt nun noch eine Kleinigkeit dazu, schwappt das Fass über und ich reagiere (zB. indem ich das Kind anmaule). Wenn ich nun statt mit dem Auto zu fahren laufen oder Fahrradfahren würde, könnte etwas der überschüssigen Hormone durch die Bewegung wieder abgebaut werden, sodass ich vielleicht weniger gestresst dort ankomme. Ich könnte aber auch nach dem Aussteigen aus dem Auto mit meinem Kind eine kleine Runde fangen spielen, hüpfen oder mich sonst wie bewegen. Auf diese Art und Weise können die überschüssigen Hormone im Körper schneller abgebaut werden und ich kann entspannter reagieren.

 

Es lohnt sich also sehr, sich mit seinem eigenen Erleben und Verhalten in stressigen Situationen auseinanderzusetzen und bei einer sehr sensiblen Amygdala, die ein bisschen zu häufig reagiert, Verhaltensänderungen zu trainieren. Eine Situationsanalyse wie oben beschrieben kann dabei helfen. Sind die Erinnerungen und Lebenserfahrungen sehr prägend und tief in das Erleben und Verhalten eingespurt, so kann eine Therapie oder psychologische Beratung helfen. Melde dich gerne bei mir.

Quellenangabe der Bilder: https://www.stop-panik.de/was-im-koerper-passiert/

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