Helfen – Wann ist es gesund und wann ungesund?

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Menschen leben seit jeher in Gemeinschaften und um diese funktional zu halten, ist es unerlässlich, einander zu helfen. Aufgabenteilung und füreinander einspringen ist wichtig, um den Alltag in Gemeinschaften am Laufen zu halten. Neben dem praktischen Nutzen für den Alltag, hat Helfen natürlich auch einen Selbstwert stärkenden Aspekt: wer anderen hilft fühlt sich wichtig und gebraucht. Bis zu einem gewissen Ausmaß hat das positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

 

Wer nun aber denkt „Je mehr ich helfe, desto besser geht es mir und meinen Mitmenschen.“ Hat weit gefehlt: wenn Helfen übermäßig auftritt oder gar pathologisch wird, dann macht es krank. So kann es beispielsweise passieren, dass die helfende Person aufgrund ihres Helfens ständig eigene Bedürfnisse übergeht und hintenanstellt – vielleicht ohne es überhaupt selbst zu merken. Langfristig hilft diese Person also bis zur endgültigen Erschöpfung. Im schlimmsten Fall wird sie dann krank und braucht selbst sehr viel Hilfe – die Ratte beißt sich hier also in den Schwanz. Hinter der guten Absicht anderen möglichst viel Arbeit abzunehmen kann langfristig eine so große Erschöpfung und Hilfsbedürftigkeit entstehen, dass mensch dann selbst zur Zusatzbelastung für die Menschen wird, denen er*sie eigentlich helfen wollte – ganz schön verzwickt oder? Mal ganz davon abgesehen kann es natürlich auch für die helfende Person frustrierend werden: wer selbst sehr viel gibt und wenig nimmt bzw. zurückbekommt, wird vielleicht irgendwann frustriert oder gar verbittert.

 

Aber woran ist erkennbar, dass mensch vielleicht zu viel hilft? Und woher kommt überhaupt diese Bereitschaft, eigene Bedürfnisse zu übergehen und hintenan zu stellen?

 

Gut dass du fragst, hier ein paar Antworten 😉 Zu viele oder zu große Hilfeleistungen sind unter anderem an den folgenden Punkten erkennbar: große Erschöpfung, manchmal mit dem gleichzeitigen Gefühl „nie genug zu geben“, Ärger gegenüber den Menschen, denen geholfen wird (manchmal ist der nur unterschwellig spürbar, selten kann er geäußert werden), möglicherweise auch auftretende Spannungen in Sozialkontakten (manche helfende Person hilft nämlich so beschwingt, dass sie damit die Grenzen ihres Gegenübers verletzt und diese*r ärgerlich reagiert – daraus kann ein Teufelskreis werden, wenn die helfende Person sich dann noch mehr anstrengt, um die Gunst zurückzugewinnen).

 

Hintergrund von übermäßigem Helfen können beispielsweise Selbstwertprobleme sein: dazu gehören dann zB. Gedanken wie „Ich bin nur wertvoll, wenn ich anderen helfe.“, „Erst muss es allen anderen gut gehen, ich selbst komme an letzter Stelle.“ oder „Ich muss mir Liebe, Zuwendung, Hilfe anderer erst verdienen.“. Ganz schön viele toxische Gedanken, oder? Übermäßiges Helfen kann auch bei besonders angepassten Menschen oder Menschen, die in der Kindheit parentifiziert (= für ihre Bezugspersonen Verantwortung übernommen haben, obwohl es eigentlich andersrum sein sollte) wurden. Diese Menschen haben in der Kindheit oftmals gelernt, sich selbst zurückzunehmen (zugunsten der Bezugspersonen, der Geschwister, usw.), möglichst brav und unauffällig zu sein und keine zusätzliche Arbeit zu machen, sondern im Gegenteil, Arbeit abzunehmen. Das war in den meisten Fällen ein wichtiger Überlebensmechanismus dieser Kinder, der aber heute bei den Erwachsenen dysfunktional (also nicht mehr hilfreich, sondern schädlich) geworden ist.

 

So, was passiert jetzt aber nun, wenn mensch merkt, dass er*sie in die Helferfalle geraten ist und damit sich selbst und/oder seinen Mitmenschen schadet?

 

Zunächst einmal ist es wichtig, genau zu beobachten:

  • Wann helfe ich? (helfe ich auf Aufforderung?, biete ich meine Hilfe selbst an?, nehme ich womöglich alle Möglichkeiten schon vorweg – beispielsweise immer früher kommen, um schon alle Stühle aufzustellen, den Tisch zu decken, alles allein vorzubereiten?, etc.) – falls es dir gar nicht mehr auffällt, in wievielen Situationen du anderen hilfst, mach einen Testlauf: für einen bestimmten Zeitraum (zB. einen Tag kannst du deine Mitmenschen bitten, dich jedes Mal, wenn du hilfst – egal in welcher Form – darauf hinzuweisen, sodass du ein Gefühl dafür bekommst, wie oft das tatsächlich vorkommt.)
  •  Aus welchem Grund helfe ich? Was ist in diesem einen Moment meine Handlungsmotivation und was das Bedürfnis dahinter? (wünsche ich mir Lob, Anerkennung, Wertschätzung?, möchte ich mich wichtig fühlen?, etc.) – sei dabei ganz ehrlich zu dir selbst, das ist wichtig!
  • Wie geht es dir vor dem Helfen? Und wie geht es dir nach dem Helfen? – schau dabei auch ganz ehrlich, welche Bedürfnisse und Wünsche von dir selbst du möglicherweise gerade zurückgestellt hast (zB. übernimmst du wieder eine Schicht für die*den Kollegen*in, obwohl du dich so auf einen Tag Ruhe gefreut hast?, meldest du dich selbstverständlich zum Kuchenverkauf in der Schule, obwohl du dann noch mehr Stress hast an dem Tag?, übernimmst du eine Aufgabe deines Partners*in, obwohl es dir nicht gut geht?, etc.). Wiegt das Bedürfnis hinter der Handlungsmotivation die Missachtung dieses anderen Bedürfnisses auf? Wie häufig stellst du deine Bedürfnisse zurück und ärgerst dich danach oder bist erschöpft, …?
  • Welchen Einfluss hat dein Helfen auf die Beziehung zu deinem Gegenüber? Ist dein Gegenüber tatsächlich dankbar und wäre ohne dich aufgeschmissen gewesen? Oder frägt es immer wieder nach deiner Hilfe, weil es weiß, dass du sowieso ja sagst? Ist dein Gegenüber verärgert, weil es deine Hilfe eigentlich gar nicht will – hat es vielleicht sogar das Gefühl, dass du dich damit vordrängeln und in den Mittelpunkt stellen willst? (wenn du ehrlich bist: willst du dich vordrängeln oder in den Mittelpunkt stellen? – wäre ja auch ein Bedürfnis, was dahinterstecken kann). Wiegt der Nutzen deiner Hilfe die Missachtung deiner Bedürfnisse auf? Möchtest du diese Form der Beziehung, so wie du sie pflegst, so weiterpflegen? (zB. möchtest du weiter mit Menschen zu tun haben, die sich nur bei dir melden, wenn sie deine Hilfe brauchen?) – nimm dir genug Zeit zu Überlegen und zu reflektieren. Vielleicht möchtest du deine Erfahrungen auch eine zeitlang aufschreiben und beobachten.

Aus deinen Beobachtungen kannst du dann schon wichtige Erkenntnisse ziehen und deine weiteren Schritte ableiten: gehst du beim Helfen immer wieder über deine eigenen Grenzen und leidest darunter, dann wäre eine Veränderung gut und wichtig.

 

Das kannst du still und leise für dich machen, indem du immer häufiger übst nein zu sagen und zu schauen, wie es dir damit geht. Wichtig ist, dass du das Bedürfnis hinter dem Helfen anderweitig stillst (wenn du dir zB. Anerkennung wünschst könntest du eine*n gute*n Freund*in anrufen und ihn*sie fragen, was er*sie an dir mag – oder vielleicht gelingt es dir auch, dir das selbst zu sagen).

 

Du kannst es aber auch deinen Mitmenschen gegenüber ankündigen „Ich werde ab jetzt öfter nein sagen, weil ich merke, dass ich durch meine Hilfsbereitschaft oft sehr erschöpft bin. Das hat nichts mit euch zu tun, ich mag euch weiterhin genauso gern.“. Von den einen wird vielleicht ein Murren kommen (weil sie jetzt mehr in die Verantwortung genommen werden ihre Dinge selbst zu erledigen), während die anderen sich insgeheim freuen (ich liebe es immer, wenn mir ein*e notorische*r Helfer*in plötzlich paroli bietet und nein sagt – dann bewegt sich nämlich was und wir können viel ehrlicher und authentischer in Kontakt gehen. Und ich habe weniger Arbeit, weil ich mich nicht immer wieder fragen muss, ob ich der helfenden Person gerade eigentlich zur Last falle – ich kann mich nämlich darauf verlassen, dass sie nein sagt, wenn es so wäre – eine win/win Situation).

 

Wichtig: Helfen ist nicht per se schlecht, aber übermäßiges Helfen, was eine Missachtung der Bedürfnisse und eigenen Grenzen und Wünsche darstellt eben schon. Ein genaues Hinschauen lohnt sich. Und je nach eigenen Kapazitäten und Ressourcen geht mal mehr und mal halt weniger. Du bist immer wertvoll und verdienst Anerkennung und Liebe – unabhängig von deiner Leistung.

 

Falls du feststellst, dass du ziemlich tief drin hängst im Helfersyndrom, melde dich gerne bei mir. Negative Glaubenssätze und tief verankerte Verhaltensmuster bedürfen manchmal einer professionellen Begleitung. Ich freu mich auf dich.

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