Parentifizierung – wenn Kinder nicht mehr Kind sein dürfen

Hier findest du ein Video zu Parentifizierung. Du kannst aber auch gerne weiterlesen.

 

Wie bereits im Eingangstext beschrieben, bedeutet Parentifizierung eine Rollenumkehr von Eltern und Kindern: Kinder bzw. Jugendliche bekommen dabei von ihren Eltern eine zu große Verantwortung auferlegt, beispielsweise in Form von nicht altersgemäßen Aufgaben und Pflichten, aber auch Sorgen der Eltern (zB. finanzieller Art), die von den Kindern mitbekommen werden und für die sich Kinder und Jugendliche dann mitverantwortlich fühlen (zB. zum Familieneinkommen beitragen).

 

Beispiele für Parentifizierung können sein:

  • Verantwortung für die Emotionen der Eltern (zB. die Eltern trösten müssen, …)
  • Besprechen von nicht kindgerechten Themen (zB. finanzielle Sorgen, Gespräche über Intimitäten der Eltern, Kind wird als Verbündete*r bei Streitigkeiten zwischen den Eltern instrumentalisiert und gerät damit in einen Loyalitätskonflikt, …)
  • Mitbekommen von nicht kindgerechten Themen (zB. Streitigkeiten der Eltern, finanzielle Sorgen, …)
  • Kümmern um psychisch kranke oder suchtkranke Eltern
  • Übermäßige Übernahme von Aufgaben im Haushalt/der Erziehung von Geschwistern/ …
  • Funktion als Ratgeber*in der Familie bzw. Verantwortung für den familiären Zusammenhalt

 

Die Kinder und Jugendlichen schlüpfen dann gewissermaßen in die Rolle einer*s Erwachsenen – ihre Kindheit ist damit zu Ende. Sie sind von nun an darauf bedacht, ihre Eltern zu entlasten, Kummer und Sorgen vorherzusehen und sich darum zu kümmern. Sie fühlen sich verantwortlich für ihre Eltern und unterstützen, wo immer sie können. Dies führt zu einer permanenten Alarmbereitschaft – diese Kinder und Jugendlichen sind immer „im Dienst“: die eigene, altersgemäße Entwicklung bleibt dabei auf der Strecke – eigene Interessen, Freund*innenschaften, Hobbies und auch die Schule werden oftmals vernachlässigt.

 

Als Ergebnis davon gehen kindliche Gefühle wie Leichtigkeit, Spontanität, Ausgelassenheit, Unbeschwertheit, Sicherheit und Geborgenheit verloren. Anstelle dessen entstehen bei den Kindern und Jugendlichen Ängste, Traurigkeit, Wut oder Einsamkeit. Je nach Charakter des Kindes werden diese auf unterschiedliche Weise „verarbeitet“:

  • Nach außen gerichtet in Form von Wut, Aggression, Auffälligkeiten in der Schule
  • Nach innen gerichtet in Form von Depressionen, Ängsten, Alpträumen, psychischen Erkrankungen
  • Ein ständiges Bemüht-Sein darum, alles richtig zu machen und sich immer korrekt zu verhalten
  • Eine ständige Wachsamkeit und Alarmbereitschaft (immer im Einsatz)

Das Kind entwickelt also als Folge der Parentifizierung eine ganze Reihe an negativen Konsequenzen, die es bis ins Erwachsenenalter begleiten werden. Neben den psychischen Folgeerscheinungen, die das Kind auch als Erwachsene*r noch spüren wird, können auch folgende negative Begleiterscheinungen entstehen:

 

Wenn das Kind als Partner*innenersatz für ein Elternteil benutzt wird können daraus Schwierigkeiten in der Nähe-Distanz-Regulation, aber auch in der Selbst-und-Objekt-Differenzierung entstehen. Das heißt, das Kind wird als Erwachsene*r vielleicht Schwierigkeiten in Beziehung haben, weil es diese entweder zu nah (zB. abhängig oder grenzüberschreitend) oder zu distanziert (zB. ablehnend und desinteressiert) gestaltet – so wie es selbst das gelernt hat.

 

War das Kind zuständig für den Familienfrieden und für das Beilegen von Streitigkeiten so war es dauerhafter Selbstüberforderung und Erschöpfung ausgesetzt. Das Kind wird also auch als Erwachsene*r eine überzogene Anspruchshaltung an sich selbst haben und beispielsweise übergroße Projektformate für „normal“ halten – einfach weil Überforderung und Erschöpfung für das Kind immer normal waren. Es wird also auch als Erwachsene*r die Tendenz haben, sich zu überfordern bzw. sich ausnutzen zu lassen.

 

Musste das Kind altersunangemessen viele oder schwierige Arbeiten im Haushalt übernehmen so kann es sein, dass das Kind sich irgendwann ausschließlich über seine Leistung und Hilfsbereitschaft definiert – bis ins Erwachsenenalter hinein. Auch hier bleibt die Tendenz, sich zu überfordern und ausnutzen zu lassen.

 

Parentifizierte Kinder neigen zu Perfektionismus, da sie beständig der Anforderung ausgesetzt sind, einer nicht lösbaren, überfordernden Aufgabe gerecht zu werden, inklusive aller Opfer, die dafür erbracht werden müssen.

 

Sie neigen auch zu einer Überverantwortlichkeit und dem Drang, ihren Wert zu beweisen bzw. sich Anerkennung, Wohlwollen und Zuwendung zu verdienen, indem sie besonders leistungsbereit, hilfsbereit, fürsorglich, usw. sind.

 

Parentifizierte Kinder können auch als Erwachsene noch zu Autoritätskonflikten neigen, da diese den Versuch darstellen, sich der unlösbaren Aufgabe zu entziehen, dagegen anzukämpfen und die Autonomie und Selbstbestimmung behalten zu können.

 

Kinder und Jugendliche die bereits in frühen Jahren parentifiziert wurden, sind so an das dysfunktionale Familiensystem gewöhnt, dass die vertauschten Rollen ihnen oftmals nicht auffallen. Erst als Erwachsene bemerken sie dann die ungesunde Ordnung – häufig erst dadurch, dass sie weiterhin unter den Konsequenzen zu leiden haben: während sie als Kinder schon früh die Eigenschaften Erwachsener gelernt haben und vorzeitig sehr reif waren, blieb das Entwickeln einer gesunden Selbstfürsorge und -liebe auf der Strecke – es musste zwangsläufig unterdrückt werden, um in dem dysfunktionalen System funktionieren zu können. Als Erwachsene haben diese Kinder dann oftmals Probleme, sich gut um sich zu kümmern, nein zu sagen und sich abzugrenzen oder Konflikte auszutragen.

 

Für Betroffene von Parentifizierung lohnt es sich, möglichst frühzeitig Hilfe zu holen, um Entlastung zu bekommen und die Folgeerscheinungen daraus gering zu halten bzw. möglichst früh anzugehen und zu bearbeiten (Parentifizierung kann nämlich auch generational weitergegeben werden: parentifizierte Kinder die aufgrund der ständigen Überforderung eine psychische Erkrankung entwickelt haben werden möglicherweise als Erwachsene selbst ihre Kinder parentifizieren).

 

Um eine Parentifizierung des eigenen Kindes zu vermeiden ist es hilfreich, sich zu fragen, ob die Aufgaben kindgerecht sind und genau zu reflektieren, ob das Kind zu viele Eltern-Emotionen abfedern muss. Es lohnt sich dabei auch ein Austausch mit dem Kind, sowie pädagogischen Institutionen. Kommt es zu einer Parentifizierung, weil die Eltern überfordert sind, so ist es ratsam, sich ein „Dorf“ aufzubauen (die Aussage beruht auf dem Fakt, dass Menschen eigentlich in Gemeinschaften leben und sich die alltäglichen Aufgaben auf die Schultern vieler Erwachsener aufteilen. In der heutigen Zeit leben wir – leider – sehr viel isolierter, die Aufgaben und Verantwortung für Einzelne sind enorm gestiegen und teilweise nicht mehr zu leisten, zB. Vollzeit arbeiten als Alleinerziehende*r ist eigentlich evolutionär absolut untypisch und auch völlig ungeeignet und nur auf Kosten zB. der eigenen Gesundheit zu schaffen). Ein Dorf aufbauen heißt also hier, Freund*innen, Bekannte, Verwandtschaft usw. zu aktivieren und aktiv um Hilfe und Unterstützung zu bitten, zB. beim Einkaufen, Kochen, Haushalt, Kinderbetreuung, usw.

 

Wenn du im Alltag häufig überfordert bist und befürchtest, dass deine Kinder das abbekommen oder wenn du dich wiederfindest in den Beschreibungen eines parentifizierten Kindes und dir dazu ein Gespräch wünschst, melde dich gerne bei mir. Gemeinsam suchen wir nach Entlastung und Lösungen – ich bin für dich da.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0